Jeremy Rifkin, portrait, sharing economy, Foundation on Economic Trends

Eigentum: was für eine altertümliche Vorstellung! Wozu etwas besitzen, wenn man jederzeit einfach darauf zugreifen kann? „Die technische Revolution macht unsere Vorstellungen über den Austausch von Eigentum obsolet“, erklärte der Herr, der mir im Herbst 2000 in Washington gegenüber saß, völlig unbeeindruckt von meinem ungläubigen Stirnrunzeln – denn für den Autor und Wirtschaftsforscher Jeremy Rifkin war die Sache klar, damals schon: Die Digitalwelt gewöhnt uns ans Alles-immer-sofort, und der hektische Galopp des Fortschritts lässt vieles, das heute auf den Markt kommt, morgen bereits hoffnungslos veraltet wirken. Also macht es mehr Sinn, einfach für das Nutzen zu bezahlen statt für das Besitzen. Willkommen im Zeitalter des Einfach-darauf-Zugreifens, dem „Age of Access“, wie Rifkin sein Buch nannte. (In Deutschland erschienen als: „Access – Das Verschwinden des Eigentums“.)

Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, dass Millionen von Liedern, Hollywood-Filmen und Fernsehsendungen immer einfach da sind – dank Diensten wie Spotify, Netflix, YouTube und Hulu. Auch das Auto, Statussymbol von Generationen, ist für viele Jüngere ein reiner Zweckgegenstand geworden – auf Abruf zu haben, wann immer man gerade eines braucht, um an der nächsten Ecke wieder abgestellt zu werden. So gigantisch ist der Trend zum Carsharing, dass Auto-Riesen wie Daimler und BMW lieber selbst mitmachen, als das Geschäft anderen zu überlassen.

Mein Stern-Interview aus dem Jahr 2000

Während es von solchen Beispielen wimmelt, dass er die Zukunft richtig vorausgeahnt hat, sieht Jeremy Rifkin bereits den nächsten radikalen Wandel auf uns zukommen: Nichts weniger als die „dritte industrielle Revolution“ hat er ausgemacht, weil es nun die Chance gibt, erneuerbare Energien mit Digitaltechnik zu vermählen. „Für historische wirtschaftliche Umbrüche müssen neue Energieformen mit Revolutionen bei der Informationsvermittlung zusammentreffen“, erklärte Rifkin mir vor kurzem in einem Interview für die „Handelsblatt“-Beilage „halt“. Im 19. Jahrhundert kamen Druckerpresse, Massenfertigung und öffentliche Schulen zusammen, im 20. schufen Elektrifizierung und Massenmedien die Konsumgesellschaft.

Nun sieht Rifkin die Weichen gestellt für ein Ende der zentralen Energieversorgung, die von Oligopolen kontrolliert wird: An die Stelle von Öl, Kohle, Gas und Kernkraft – „Elite-Energien“, die nur an bestimmten Orten vorkommen und hohen Kapital-Einsatz verlangen – treten die Kräfte der Natur. Sonne, Wind und Wasser sind, in der einen oder anderen Form, fast überall vorhanden, und man braucht keine Millionen, um erneuerbare Energien zu gewinnen.

Entscheidend allerdings ist ein Vertriebssystem, ein intelligentes Stromnetz, das Einspeisen genauso erlaubt wie Konsumieren. Ist diese Voraussetzung geschaffen, könnte der Energiemarkt genauso durchgeschüttelt und von Grund auf neu erfunden werden wie die Musikindustrie und die Medien. Das Interview im „halt“-Magazin finden Sie als PDF im Internet und in einer kostenlosen Mobil-App für iPhone, iPad und Android. So oder so: Das Herunterladen dauert nur wenig Sekunden – the age of access eben.

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