„Man muss die Zukunft auch sehen wollen“

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Der Mann aus dem Schwarzwald hatte sich bei Sony in Tokio als Modernisierer und Vordenker einen Namen gemacht, als ein Brief aus Kalifornien eintraf: 1982 erhielt Hartmut Esslinger von Apple die Einladung, sich an der „Snow White competition“ zu beteiligen – einem Designwettbewerb für die junge Computerfirma, die mit dem Apple II zum Trendsetter für die gerade entstehende PC-Branche geworden war. Bald darauf zog Esslinger ins Silicon Valley und arbeitete im engen Zusammenspiel mit Steve Jobs an der Gestaltung von Apple-Rechnern wie dem Macintosh SE – aber auch an Entwürfen für künftige Computer, die tragbar sein würden, und sogar Telefonen, die das Apfel-Logo tragen sollten.

Viele dieser Entwürfe hat Esslinger in seinem Buch „Genial einfach – Die frühen Design-Jahre von Apple“ veröffentlicht – und wer sieht, was dem „frog design“-Gründer damals schon alles durch den Kopf gegangen ist, muss sich fragen, warum die Welt noch mehr als zwei Jahrzehnte auf bahnbrechende Konzepte wie iPhone und iPad warten musste. Gewiss, die Technik brauchte Zeit, um weit genug zu reifen, damit Esslingers Einfälle überhaupt umgesetzt werden konnten. Doch all das nützt wenig ohne die Bereitschaft der Entscheider, sich auf das Ungewöhnliche, das Andere überhaupt einzulassen.

„Weitsicht ist vor allem eine Frage des Mutes“, erzählte Esslinger mir, als ich ihn für ein ausgiebiges Gespräch für Lufthansa Exclusive traf. „Die Vision ist das eine – aber man muss die Zukunft auch sehen wollen. Viele verschließen die Augen, sie scheuen das Risiko, weil ihr ganzes bisheriges Wertesystem gefährdet ist.“

Esslinger selbst lernte früh, dass Firmen nicht immer bereit waren, ihm so schnell in die Zukunft zu folgen, wie er es sich dachte. Eine Atomuhr, die er 1967 noch als Student entwarf, war dem Auftraggeber Kienzle der Zeit zu weit voraus. „Junghans hat es dann gemacht, aber viel später“, erinnert er sich. „Ich habe mir gesagt: Ich bin jung, ich werde es schon schaffen.“

Stimmt. In Design-Kreisen gilt der Deutsche, der in Kalifornien lebt, als Legende. Ein beharrlicher Pionier für das Neue, dem Bekannten immer so weit voraus, dass seine Formsprache etwas Futuristisches hat, aber zugleich vertraut genug ist, um potentiell Millionen Käufer anzusprechen. „Geschichte ist der Lehrmeister Nummer eins“, sagt Esslinger. Aber auch: „Was der Mainstream denkt, ist völlig egal. Wer immer darauf schaut, was die Masse will, wer sich danach richtet, der kommt nicht weiter.“

Lufthansa-Exclusive-Cover-8.2014Das Interview erschien in Ausgabe 8/2014 des „Lufthansa Exclusive“-Magazins. Mir gab der Besuch bei Hartmut Esslinger und seiner Frau Patricia Roller, einer erfolgreichen Angel-Investorin, zahlreiche neue Einsichten in das bemerkenswerte Comeback von Apple nach der Rückkehr von Steve Jobs im Jahr 1997.

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