Haight-Ashbury – mal Hippie, mal Yuppie

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Obdachlose in San Francisco, Haight Ashbury, mit Passantin
Batik und Boutiquen: Obdachlose auf der Haight Street mit einer Passantin
Anarchisten-Buchladen
Ergrauter Widerstand: Joey Cain vom Buchkollektiv Bound Together
Happy High Herbs in Haight-Ashbury, San Francisco
Happy ohne High: Hier gibt’s nur legale Kräuter

Haight-Ashbury_NKL4820Über Haight-Ashbury hängen an vielen Tagen gleich zwei Dunstglocken: der Nebel und der eigene Mythos. Der Nebel neigt dazu, sich zu verflüchtigen; der Mythos sitzt in jeder Ritze. Flower-Power, Batik-Hemden, Urväter-Rock, Liebe ohne Grenzen, grenzenlose Liebe zu Haschisch und LSD – all das erwartet die Welt, wenn sie das Zentrum der Gegenkultur besucht. Was sie zu sehen bekommt, sind tätowierte Häuserwände; Kramläden, die Plastik-Wasserpfeifen, Made in China, für 9,99 Dollar verschleudern; Boutiquen gleich nebenan, die sich kokett als Hippie tarnen und 99 Dollar für Blümchen-Kleider verlangen. „Happy High Herbs“ weist prominent darauf hin, dass Kunden in diesem Kräuterladen doch bitte schön nur legale Highs erwarten sollen, und die Kreuzung Haight und Ashbury wird dominant von der Kleiderkette RVCA besetzt gehalten, die sich als hippes Surferkind der Generation GAP präsentiert.

Wir haben verloren“, sagt Joey Cain. „Die Stadt ist in die Hände der Über-Wohlhabenden, Privilegierten gefallen, die zuviel Geld haben und zu wenig Fantasie.“ Cain blinzelt einen Moment lang trübsinnig durch seine rote Brille, silber-violette Ohrringe baumeln an seinen Wangen, die Stirn ist licht, im Nacken fällt ihm das graue Haar lang und ungezügelt über die Schultern, wie man das von einem lebenslangen Rebellen erwarten darf. 36 seiner 57 Lebensjahre hat Cain in Haight-Ashbury verbracht, schon daheim in Buffalo, New York, verstand er sich als Anarchisten, in dem friedlichen Sinne, „dass alle leben dürfen, wie sie wollen, und sich gegenseitig helfen“.

Cain begegnet mir im Buchladen „Bound Together“, der sich stolz als „anarchisches Buchkollektiv“ versteht: Alle, die das Projekt seit 1976 am Leben halten, sind Freiwillige, so wie Cain, der im Hauptberuf als Altenpfleger arbeitet. Bound Together liegt als Station Nr. 13 auf dem Weg durch Haight-Ashbury, den mir „EveryTrail“ empfohlen hat: eine Gratis-App, die mich auf dem Smartphone Schritt für Schritt begleitet und mit Wissenswertem versorgt, fast so wie ein freundlicher Nachbar, der mir sein Zuhause zeigt. Als Ergänzung habe ich mir bei iTunes eine kostenlose Audio-Tour besorgt, die in 15 Minuten die Geschichte des ehemaligen Hippie-Viertels erzählt. Der Traum von Peace, Love & Harmony, so höre ich, war Anfang der 1970er Jahre schon wieder weitgehend ausgeträumt.

Obdachlose auf der Haight Street in San Francisco in Batik-KleidungZwei Obdachlose, die sich Whisky und Jolly nennen, posieren auf der Haight Street

Als ich herkam“, bestätigt Cain, „sah Haight-Ashbury aus wie nach einem Bombenangriff.“ Leere Läden, verlassene Häuser. Doch immer noch offene Herzen und niedrige Mieten. Cain wohnt bis heute im selben Haus, er teilt es sich mit vier anderen. Nur so kann er sich „The Haight“ noch leisten. Bound Together zahlt keine Löhne; alles Geld fließt zurück in Literatur. Die Auswahl der Titel übt den Spagat zwischen Mainstream und Untergrund. Bestseller teilen sich das Regal mit Hunter S. Thompson, dem „illustrierten Buch für guten Sex“ und Ratgebern über Mushrooms. Viele der Zeitschriften stammen aus dem Fotokopierer, sie tragen Namen wie „Leben in einer Kommune“, „Gegen den Strom“ und „Linkskurve“. Ein Teil der Einnahmen finanziert Buchspenden an Gefängnisinsassen. Auf dem antiken Verkaufstresen weist ein Aufkleber handschriftlich darauf hin: „Wir akzeptieren nun Kreditkarten.“ Auch Anarchos müssen sich anpassen, wenn sie nicht auf der Straße landen wollen.

Tätowierter Kunde vor Amoeba Music in Haight-Ashbury, San FranciscoEveryTrail weist mir den Weg zu den Häusern, in denen Jefferson Airplane, Janis Joplin und Greatful Dead einst die Musikwelt für ihre Generation neu erfunden haben, und ich beschließe, ein Fossil zu besuchen, das sich durch alle Revolutionen der Digital-Ära hindurch bemerkenswert gut gehalten hat: Amoeba Music, einen gigantischen Kramladen für Auge und Ohr, der trotz iTunes und YouTube tapfer an Schallplatten, Video-Kassetten und CDs festhält. Über Hunderte von Quadratmetern erstreckt sich die Auswahl aus allen Musikrichtungen und Filmgattungen, und es gibt genug Kunden, die weiterhin zugreifen. So wie Chris Collins, der gleich zehn Platten gekauft hat, von Sam Cooke bis Duane Eddy.

„Ich bin mit Vinyl aufgewachsen, mit MP3 kann ich nichts anfangen“, erzählt der ehemalige Fleischer, der sich derzeit als Künstler versucht. Die meisten seiner Skulpturen bestehen aus Knochen toter Tiere. „Ich kann’s dir zeigen“, sagt er, zieht ein Smartphone aus der Tasche und ruft Instagram auf, wo er als „chris_dogt“ fungiert. Musik fehlt auf seinem Taschenspieler. Vor fünf Jahren ist Collins aus Ohio nach San Francisco gezogen, der Tätowierungen wegen. „Ich bin von oben bis unten mit Tattoos bedeckt“, sagt der 28-Jährige. Blau in die Haut gestanzte Spinnenweben überziehen sein kahl geschorenes Haupt. „Hier ist es leichter für mich, einen Job zu finden. Die Leute sind einfach offener.“

Musiker geben ein Konzert im Red Voctorian in Haight Ashbury, San FranciscoDie Erben von Greatful Dead und Bob Dylan: Zo, Skyler und Michael nach ihrem Peace & Love-Konzert im Red Victorian

Applaus. Sie klatschen Beifall für jeden, der sich ans Mikrofon wagt: Reisender, kommst du ins Red Victorian auf der Haight Street, „San Franciso’s Living Peace Museum“, dann bist du willkommen. Der gute Wille der Gemeinde ist dir gewiss. Ob du singen kannst oder dichten, ob du dein Handwerk verstehst oder noch auf dem Weg bist, dein Ziel zu suchen – man wird dich mit offenen Armen empfangen. Applaus.

Michael, Skyler und Zo verstehen ihr Handwerk. Sie zupfen an der Gitarre, sie rappen und rocken, singen vom Weltfrieden, von Liebe und Energie, vom Leben als Rätsel und dem Ganzwerden mit dem eigenen Ich. „Mir ist es schon immer um die Message gegangen“, sagt Skyler Duganne nach dem Konzert, dem knapp zwei Dutzend Zuhörer gelauscht haben. Seine Wurzeln sieht er bei den Doors, den Beatles und Led Zeppelin. Die 60er, glaubt er, kommen wieder und mit ihnen auch die Ideale der Beat Generation. „Alles ist zyklisch“, sagt der 30-Jährige, „alles kommt in Wellen.“ Studiert hat er Design, Geld verdient er als Koch, seine Freizeit gehört der Musik und dem Surfen. Durch seinen Garten im Sunset District, südlich des Golden Gate Parks, laufen zwei Hühnchen, erzählt er. „Schau dir den Trend zum Bio-Essen an“, sagt Skyler. „Das hat in den 60er Jahren angefangen, und heute ist es Mainstream.“

Kein Zweifel, er hat Recht. Die Speisekarte im Red Victorian ist nur eines von vielen Beispielen dafür: Die meisten Sandwiches sind veganisch. Friede sei auch mit den Tieren. An den Wänden hängen Bilder mit Botschaften der Gegenkultur. Kärtchen auf den Tischen geben Anregungen für Gesprächsthemen von der Art: „Wie können wir den ,Uns-gegen-die-anderen‘-Gedanken heilen?“ Diesmal, glaubt Skyler, wird sich alles zum Besseren wenden. „Diesmal sind wir älter, schlauer, und wir haben die Mittel der modernen Technik.“ Zum Abschied umarmt er eine Zuhörerin, die sagt, seine Musik habe sie sehr bewegt. „Danke“, antwortet Skyler, „wir sehen uns bei Facebook.“

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